Offener Brief von Dozierenden der Berliner Hochschulen

Zur Unterzeichnung des Briefes kann man sich bei PD Dr. Roberto Lo Presti (roberto.lo.presti@hu-berlin.de) und Dr. Giulia Maria Chesi (gmchesi@googlemail.com) melden oder auf den folgenden Link clicken und die Freischaltung des GoogleDocs zum Unterzeichnen anfordern:
https://docs.google.com/document/d/19vK98O9swJi2tD2YJezP9uvga0dI475jxt0KMtDBt_M/edit?usp=sharing


An den Regierenden Bürgermeister und Senator für Wissenschaft und Forschung von Berlin
An den Staatssekretär für Wissenschaft und Forschung von Berlin
An alle Berliner Hochschulleitungen


Offener Brief von Dozierenden der Berliner Hochschulen


Sehr geehrter Herr Regierender Bürgermeister Müller,
Sehr geehrter Herr Staatssekretär Krach,
Sehr geehrte Präsident*innen und Vizepräsident*innen für Lehre und Studium der Berliner Hochschulen,


Als Professor*innen und Dozent*innen der Berliner Hochschulen möchten wir unser Unverständnis darüber zum Ausdruck bringen, dass Universitäten und Wissenschaftsverwaltung in der aktuellen Diskussion zu den Corona-Maßnahmen insgesamt – im Gegensatz zu so ziemlich jeder anderen Interessengruppe – völlig stumm bleiben. Das finden wir bedauerlich. Deswegen unterstützen wir die studentische Initiative „Offener Brief für die Wiederaufnahme der Präsenzlehre an den Berliner Universitäten“ (https://praesenzlehre-berlin.org/) und fordern den Senat von Berlin und alle Berliner Hochschulleitungen auf, an der Entwicklung einer verantwortungsvollen und schrittweisen Öffnungsstrategie zu arbeiten, die eine solche Wiederaufnahme ermöglicht.

Der „Berliner Stufenplan für den Hochschulbetrieb unter Pandemiebedingungen“ kann diesem Ziel nur teilweise gerecht werden. Denn – wie man auf S. 3 des Stufenplans lesen kann – „der Stufenplan stellt kein operatives Instrument dar, um auf spezifische Entwicklungen in einzelnen Hochschulen zu reagieren. Entsprechende Szenarien, Prozessabläufe und konkrete Verhaltensweisen müssen von den Hochschulen individuell beschrieben und umgesetzt werden. Der Stufenplan kann hierfür lediglich als Orientierungsrahmen dienen.“

Was Hochschulen nun brauchen, ist die Erarbeitung einer Strategie, die dieses noch fehlende operative Instrument bieten kann. Im Rahmen dieser Strategie sollen deutliche und konsistente Leitlinien erarbeitet werden, die zwei Zielen dienen sollen:

1) Für das Sommersemester 2021, das bereits als Online-Semester geplant wurde, werden die Hochschulen – soweit das Infektionsgeschehen es ermöglicht – dazu aufgefordert, Außenräume und geeignete Innenräume für Kolloquien mit geringer Teilnehmerinnenanzahl sowie Tutorien und kleine Lerngruppen unter strengen Hygieneauflagen zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig sollten Bibliotheken wieder einen eingeschränkten Lesebetrieb aufnehmen. Sowohl die Benutzung von Räumen für Kolloquien, Tutorien und Lerngruppen als auch der Zugang zu den Arbeitsplätzen in den Bibliotheken könnte durch ein digitales Platzbuchungssystem ermöglicht werden, welches im Fall einer Infektion eine schnelle und effektive Kontaktnachverfolgung gewährleistet.

2) Für das Wintersemester 2021/22 sollen die Fakultäten und Institute aller Berliner Hochschulen die Gestaltung eines planungssicheren Hybridsemesters erarbeiten können. Da Planungssicherheit in pandemischen Zeiten nur mit Flexibilität einhergehen kann, soll eine Strategie entwickelt werden, welche auf dem Einsatz von Blended Learning-Szenarien beruht (alle Studierenden besuchen ihre Veranstaltungen, wenn sie möchten, abwechselnd im Online- und Präsenzformat) und jederzeit einen Wechsel zwischen blended und rein digitalem Lehrformat ermöglicht.

Das Konzept für ein Hybridsemester könnte sich beispielsweise aus folgenden Bestandteilen zusammensetzen:
· Hygieneauflagen und -maßnahmen, welche die Sicherheit von Studierenden und Dozierenden im Rahmen des Möglichen gewährleisten. Dazu gehören die Zertifizierung der hygienesicheren Kapazität aller Hörsäle und Seminarräume durch die Technischen Abteilungen der jeweiligen Hochschulen und die Implementierung einer Schnelltest-Strategie für Dozierende und Studierende;
· Teilnahme in Präsenz nur durch Online-Platzbuchung und nur im Rahmen der zertifizierten Platzverfügbarkeit jeden Hörsaals bzw. Seminarraumes: Student*innen, die an einer Lehrveranstaltung in Präsenz teilnehmen wollen, sollen einen Platz über das Uni-Intranet buchen; diese Buchung soll zentral gespeichert werden. Damit ist es stets möglich nachzuverfolgen, wer mit wem an welchem Tag und zu welcher Uhrzeit in einem Hörsaal bzw. Seminarraum saß;
· Freiwilligkeit: Studierende sollen sich frei für eine analoge oder digitale Form der Teilnahme entscheiden können. Dadurch wird ein inklusives und solidarisches System geschaffen, welches den unterschiedlichen Bedürfnissen der Studierenden entgegenzukommen versucht.

Wir sind uns bewusst, dass die Erarbeitung eines solchen oder ähnlichen Konzeptes eine organisatorische Herausforderung darstellt. Dennoch sind wir überzeugt, dass eine derartige Kraftanstrengung seitens der Hochschulleitungen und des Berliner Senats möglich und notwendig ist.

Möglich einerseits, weil sieben Monate vom jetzigen Zeitpunkt an bis zum Anfang des Wintersemesters 2021/22 genügend zeitlichen Entwicklungsspielraum bieten, und andererseits, weil es bereits Beispiele für solche Öffnungskonzepte gibt.*** Aufgrund der Mitgliedschaft der Berliner Hochschulen an europäischen Hochschulallianzen wie Una Europa (FU), Circle U. (HU) oder ENHANCE (TU) kann auf umfangreiche europäische Expertise in diesem Bereich zurückgegriffen werden. Darüber hinaus können und müssen von einem Verbund exzellenter Hochschulen wie der Berlin University Alliance auch exzellente, kohärente und universitätsübergreifende Ansätze zur Präsenzlehre unter Pandemiebedingungen erwartet werden. In diesem Zusammenhang wäre es sinnvoll, wenn die Berlin University Alliance eine aus allen Mitgliedshochschulen zusammengesetzte Arbeitsgruppe ermöglichen würde, die mit der
Erarbeitung eines einheitlichen Berliner Ansatzes zur Kontaktdatenerfassung und Schnelltestanwendung beauftragt werden könnte.

Notwendig, weil die Schließung der Universitäten und die de facto ausnahmslose Aussetzung der Präsenzlehre nicht mehr zumutbar sind, wenn diese Maßnahmen nicht als eine zeitlich beschränkte Notlösung eingesetzt werden, sondern sich als eine mittel- oder gar langfristige Strategie ergeben, deren Alternativlosigkeit und Nachhaltigkeit Tag für Tag fragwürdiger erscheinen. Es ist unsere feste Überzeugung, dass die Annahme, digitale Lehre könne den normalen Präsenzlehrbetrieb über mehrere Semester en bloc ersetzen, ohne dass der gesellschaftliche Bildungsauftrag der Hochschulen gefährdet wird, einen konzeptuellen Fehler mit gravierenden Folgen für eine ganze Generation von Studierenden und für den Hochschulbetrieb im Allgemeinen darstellt.


Wir fordern die Berliner Hochschulleitungen und den Senat von Berlin auf, der Entwicklung eines differenzierten Öffnungskonzeptes für das Sommersemester 2021 und das Wintersemester 2021/22 oberste Priorität zu geben und konsequent zu handeln.


*** Siehe z.B.:
· HTTPS://WWW.UNIPI.IT/INDEX.PHP/ENGLISH-NEWS/ITEM/19356-UNIPI-REOPENING-WITH-SIGNS-THE-RETURN-TO-THE-CLASSROOM-IS-SAFER
· https://www.unibo.it/en/services-and-opportunities/online-services/online-services-for-students-1/guide-to-online-student-services/presente-1
· HTTPS://WWW.UNITN.IT/EN/ATENEO/91557/ATTENDING-CLASSES-SECOND-SEMESTER-202021


Erste Unterzeichner*innen
Titel und Name – Universität und Institut

  1. PD Dr. Roberto Lo Presti – HU, Institut für Klassische Philologie
  2. Dr. Giulia Maria Chesi – HU, Institut für Klassische Philologie
  3. PD Dr. Camilla Campedelli – BBAW/HU, Institut für Klassische Philologie
  4. Prof. Dr. Markus Asper – HU, Klassische Philologie
  5. Dr. Christiane Hackel – HU, Klassische Philologie
  6. Prof. Dr. Philip van der Eijk – HU, Klassische Philologie
  7. Prof. Dr. Bernd Roling – FU, Institut für Griechische und Lateinische Philologie
  8. Dr. Roland Baumgarten – HU, Institut für Klassische Philologie
  9. Prof. Dr. Gerhard Leitner – FU, Institut für Englische Philologie
  10. Dr. Markus Brückl – TU, Institut für Sprache und Kommunikation
  11. Dr. Diana Bormann – HU, Institut für Klassische Philologie
  12. PD Dr. Nina Mindt – HU, Klassische Philologie
  13. PD Dr. Leonore Scholze-Irrlitz – HU, Institut für Europäische Ethnologie, Landesstelle für Berlin-Brandenburgische Volkskunde
  14. Prof. Dr. Melanie Möller – FU, Institut für Griechische und Lateinische Philologie
  15. Dr. David Bosold – FU, John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien
  16. Prof. Dr. Florian Jeßberger – HU, Juristische Fakultät
  17. Prof. Dr. Axel Metzger – HU, Juristische Fakultät
  18. Prof. Dr. Christian Waldhoff – HU, Juristische Fakultät
  19. Dr. Kristin Schulz – HU, Institut für deutsche Literatur
  20. Prof. Dr. Joseph Vogl – HU, Institut für deutsche Literatur
  21. Prof. Dr. Gavril Farkas – HU, Institut für Mathematik
  22. Prof. Dr. Ethel Matala de Mazza – HU, Institut für deutsche Literatur
  23. Prof. Dr. Stefan Willer – HU, Institut für deutsche Literatur
  24. Dr. Irene Calà – HU, Institut für Klassische Philologie/LMU Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin
  25. Prof. Anna Anders – UdK, Institut für zeitbasierte Medien
  26. Prof. Gabi Schillig – UdK, Institut für transmediale Gestaltung
  27. Prof. Dr. Notger Slenczka – HU, Theologische Fakultät
  28. PD Dr. Reinhard Flogaus – HU, Theologische Fakultät
  29. Prof. Dr. Philipp Felsch – HU, Institut für Kulturwissenschaft
  30. Prof. Dr. Matteo Valleriani – MPIWG und TU Berlin
  31. Prof. Dr. Lisa Cordes – HU,Institut für Klassische Philologie
  32. Prof. Dr. Darja Šterbenc Erker – Universität Ljubljana / HU, Institut für Klassische Philologie
  33. PD Dr. Tobias Robert Klein – HU, Institut für Musikwissenschaft und Medienwissenschaft
  34. PD Dr. Bettina Fröhlich – HU, Institut für Philosophie
  35. Prof. Dr. Alexander Düttmann – UdK, Institut für Kunstwissenschaft und Ästhetik
  36. Prof. Christoph Huntgeburth – UdK, Institut für künstlerische Ausbildung Alte Musik
  37. PD Dr. Thorsten Streubel – FU, Institut für Philosophie
  38. Prof. Dr. Christoph Gengnagel – UdK, Institut für Architektur und Städtebau
  39. Dr. des. Luigi Orlandi – BBAW
  40. M. Eng. Manuel Ortega – TU, Raumfahrttechnik (Education Manager, MSE)
  41. Prof. Dr. Matthias Noell – UdK, Institut für Architektur und Städtebau
  42. Prof. Dr. Marie-Theres Federhofer – HU, Nordeuropa Institut
  43. PD Dr. Thomas Bachmann – HU, Institut für Psychologie
  44. Prof. Dr. Hans Jürgen Scheuer – HU, Institut für deutsche Literatur
  45. Prof. Dr. Luís Greco – HU, Juristische Fakultät
  46. Prof. Dr. Bernd Seidensticker – FU, Institut für griechische und lateinische Philologie
  47. Prof. Dr. Markus Witte – HU, Theologische Fakultät
  48. Prof. Dr. Christine Gerber – HU, Theologische Fakultät
  49. Prof. Hermann Schmidt-Rahmer – UdK, Studiengang Schauspiel
  50. Prof. Paolo Crivellaro – UdK, Studiengang Orgel und Kirchenmusik
  51. Prof. Dr. Martin Heger – HU, Juristische Fakultät
  52. Prof. Dr. Ruth Conrad – HU, Theologische Fakultät
  53. Juliane Küppers – FU, Institut für griechische und lateinische Philologie
  54. Prof. Dr. Dörte Schmidt – UdK, Fakultät Musik und Musikwissenschaft
  55. Prof. Dr. Gerhard Dannemann – HU, Großbritannien-Zentrum
  56. Prof. Maike Bühle – UdK, Fakultät Musik
  57. PD Dr. Ralf Klausnitzer – HU, Institut für deutsche Literatur
  58. Prof. Markus Groh – UdK, Institut für künstlerische Ausbildung Klavier
  59. Prof. Dr. Wolfgang Asholt – HU, Institut für Romanistik
  60. Olga Homakova – TU, Raumfahrttechnik (Master of Space Engineering)
  61. Fabian Zuppke – FU, Institut für griechische und lateinische Philologie
  62. Prof. Dr. Philipp Zitzlsperger – HU und Hochschule Fresenius, Fachbereich Design
  63. Prof. Dr. Arne Stollberg – HU, Institut für Musikwissenschaft und Medienwissenschaft
  64. Dr. Leonie Steinl – HU, Juristische Fakultät
  65. Prof. Dr. Marie Guthmüller – HU, Institut für Romanistik
  66. PD Dr. Vanessa de Senarclens – HU, Institut für Romanistik
  67. Prof. Dr. Signe Rotter-Broman – UdK, Fakultät Musik, Fachgruppe Musikwissenschaft
  68. Prof. Peter Lund – UdK, Fakultät Darstellende Kunst
  69. Prof. Dr. Martina Bengert – HU, Institut für Romanistik
  70. PD Dr. Brigitte Heymann – HU, Institut für Romanistik
  71. Prof. Dr. Julia Asbrand – HU, Institut für Psychologie
  72. Prof. Dr. Dr. Stefan Grundmann – HU, Juristische Fakultät
  73. Prof. Dr. Ronny Hauck – HU, Juristische Fakultät
  74. PD Dr. Chiara Thumiger – HU, Institut für Klassische Philologie/ CAU (Kiel), Excellence Cluster Roots
  75. Prof. Marion Hirte UdK – Fakultät Darstellende Kunst